Ötzi


Ötzi
Ọ̈t|zi, der; -[s] [nach dem Fundort in den Ötztaler Alpen] (ugs. scherzh.):
(1991 entdeckte) mumifizierte Leiche eines Menschen aus der Jungsteinzeit.

* * *

I
Ötzi,
 
Ötztaler Alpen.
II
Ötzi,
 
Gletschermumie aus der Jungsteinzeit/Kupferzeit (datiert auf die Zeit zwischen 3350 und 3100 v. Chr.); gefunden am 19. 9. 1991 in Südtirol/Italien nahe dem Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen. »Der Mann aus dem Eis« gilt als archäologische Sensation, weil er der einzige vollständig erhaltene, auf natürlichem Weg konservierte und nicht bestattete Mensch dieses Alters ist und weil zusätzlich zur Leiche zahlreiche Ausrüstungsgegenstände konserviert wurden: Kleidung, Werkzeug, Waffen. Dadurch ließ sich eine komplette prähistorische Ausrüstung rekonstruieren. Gefunden wurden u. a. das einzige vollständig erhaltene Kupferbeil der Urgeschichte, Pfeile und Bogen, ein Umhang aus Grasgeflecht, Lederkleidung, Schuhwerk, ein Feuersteindolch mit Scheide, ein Retuscheur zur Bearbeitung von Feuersteingeräten und zahlreiche andere Gegenstände. Durch diesen Fund wurde es erstmals möglich, einen Menschen aus prähistorischer Zeit zu untersuchen und umfassenden Aufschluss über Lebensweise, Kleidung, Ernährung und handwerkliches Know-how in der Jungsteinzeit zu erhalten.
 
Es handelt sich um einen Mann von ungefähr 46 Jahren, der sich um 3300 v. Chr. auf dem Weg über den Alpenhauptkamm von Süden nach Norden befand und auf dem Gletscher umgekommen ist; vermutlich starb er an einer Pfeilwunde im Rücken (in seiner linken Schulter fanden Wissenschaftler eine Pfeilspitze). Aufgrund seines für die Jungsteinzeit relativ hohen Alters finden sich Verschleißerscheinungen an seinem Gebiss sowie am rechten Knie, an den Sprunggelenken und an der Wirbelsäule; an diesen Punkten befinden sich Tätowierungen, die vermutlich therapeutischen Zwecken dienten. Die endoskopischen Untersuchungen ergaben unter anderem, dass die letzte Mahlzeit des Mannes aus Gemüse und Fleisch bestand. Bestimmte Pollenreste weisen darauf hin, dass er im Frühsommer umgekommen sein muss. Die Untersuchungen an den Haaren belegen eine starke Belastung durch Arsen, was auf eine unmittelbare Beteiligung des Mannes an der Metallverarbeitung hinweist. Aufschlüsse über den sozialen Status des Mannes und über die Gründe für seine Hochgebirgstour sind nur relativ schwer zu gewinnen. Zweifelsohne war er für einen längeren Aufenthalt und das Überleben im Hochgebirge bestens ausgerüstet.
 
Seit März 1998 ist »Ötzi« nach umfassenden Forschungen im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen ausgestellt. Für die museale Präsentation wurde eine neue Kühltechnologie entwickelt; der Mann aus dem Eis ist in einer Kühlzelle zu sehen, die Gletscherbedingungen simuliert (98 % Luftfeuchtigkeit bei einer Temperatur von -6 ºC).
 
 
Angelika Fleckinger/Hubert Steiner: Der Mann aus dem Eis. Bozen/Wien 1998.
 Südtiroler Archäologiemuseum (Hrsg.): Die Gletschermumie aus der Kupferzeit.Bozen/Wien 1999.
 Gudrun Sulzenbacher (Hrsg.): Thema Ötzi. Didaktische Materialien zum Mann aus dem Eis. Wien/Bozen 1999.
 Angelika Fleckinger/Hubert Steiner: Faszination Jungsteinzeit. Der Mann aus dem Eis; Bildband mit Fotos von Augustin Ochsenreiter. Bozen/Wien 1999.
 Gudrun Sulzenbacher: Die Gletschermumie. Mit Ötzi auf Entdeckungsreise durch die Jungsteinzeit. Bozen/Wien 2000.
III
Ötzi
 
Der Fund im Gletschereis
 
Die 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckte Gletscherleiche, die zunächst für einen vor längerer Zeit verunglückten Bergsteiger gehalten wurde, entpuppte sich als bedeutender prähistorischer Fund: als Mumie eines Alpenbewohners aus der mittleren Jungsteinzeit. Die seltsame Gletscherleiche machte schon bald nach ihrer Entdeckung bei der Bergung Furore und wurde von den Medien als Sensation betrachtet, während Gendarmerie und Gerichtsmedizin sie noch wie einen Routinefall behandelten. Erste Erkenntnisse und Rückschlüsse lieferte der Ur- und Frühgeschichtler Konrad Spindler, der als erster Wissenschaftler die Mumie inspizierte und ihr ein hohes Alter attestierte. Weitere Untersuchungsergebnisse erbrachten mehr Klarheit über Ötzis Alter und die Umstände seiner Mumifizierung.
 
Mithilfe modernster Methoden und Techniken kamen die Obduktionsbefunde zustande und boten zumindest Anhaltspunkte für die Rekonstruktionsversuche, bei denen Wissenschaftler aus aller Welt mitwirkten. Ein Magazin beauftragte eine Reihe von Spezialisten damit, Nachbildungen von Ötzis Körper, Kleidung und Gerätschaften anzufertigen, die später auf einer Museumstournee ausgestellt werden sollten. Während mehrerer Jahre wurde Ötzis Aufbewahrung in einer Kühlzelle mit künstlichem Gletscherklima immer wieder durch wissenschaftliche Untersuchungen und Messungen unterbrochen, bis er schließlich 1998 in einem eigens für ihn eingerichteten Museumsraum seine letzte Ruhestätte fand, wo er nun vom interessierten Publikum besucht und bestaunt werden kann.
 
 Entdeckung und Bergung
 
Am 19. September 1991 stiegen die deutschen Bergsteiger Erika und Helmut Simon abseits des markierten Wanderpfades auf der Nordrampe des Similaungletschers zur Similaunhütte ab. Gegen 13.30 Uhr sahen sie in einer Gletschermulde am Hauslabjoch in 3 210 m Höhe plötzlich eine puppenähnliche Gestalt halb aus dem Eis ragen: Kopf und Schulter einer Gletscherleiche. In der Similaunhütte berichteten sie von ihrer Entdeckung. Der Hüttenwirt Markus Pirpamer ließ sich den Fundort beschreiben und stieg selbst hinauf, um die Leiche zu besichtigen. Da er nicht sicher wusste, ob der Fundort auf Nordtiroler oder Südtiroler Gebiet lag, benachrichtigte er sowohl die österreichische Gendarmerie als auch die italienischen Carabinieri. Die Italiener überließen die Sache den Österreichern. Am nächsten Tag kam die Innsbrucker Gendarmerie mit einem Hubschrauber angeflogen. Ein Gendarm und der Hüttenwirt versuchten, die Gletscherleiche mit einem pressluftgetriebenen Schrämhammer freizulegen. Als die Bergung wegen einsetzenden Schlechtwetters abgebrochen werden musste, war die Leiche bis zur Hüfte aus dem Eis befreit; ihre linke Hüfte und ihr linker Oberschenkel sind dabei beschädigt worden. Bei der Leiche wurde ein altertümlich anmutendes Beil gefunden.
 
Die Bergung konnte am Samstag, dem 21. September, fortgesetzt werden. Da eine Verletzung am Schädel und »Brandmale« am Rücken den Verdacht aufkommen ließen, dass es sich bei dem Toten um das Opfer eines Verbrechens handelte, wurden Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Diese ordneten eine gerichtsmedizinische Bergung und Obduktion der Leiche an. Der Südtiroler Extrembergsteiger und Schneemenschsucher Reinhold Messner, der noch am selben Tag den Fundort aufsuchte, äußerte aufgrund der Bekleidung der Leiche und der Beschreibung des Beils die Vermutung, dass die Leiche mindestens 500, wenn nicht sogar 3 000 Jahre alt sein müsse, und sprach von einem »bedeutenden archäologischen Fund«. Aber unbeirrt davon versuchte der Bergrettungsobmann Alois Pirpamer, der Vater des Hüttenwirts, mit einem Bekannten auch am nächsten Tag noch, den vermeintlich verunglückten Bergsteiger mit Eispickeln und Skistöcken aus dem Eis zu hacken. Die aufgefundenen Utensilien nahmen sie in einem Plastiksack mit.
 
In der Sonntagsausgabe der Südtiroler Zeitungen erschien eine Meldung über den seltsamen Fund mit einer Zeichnung, die einen struppig gekleideten Mann zeigte, halb im Eis liegend und eine martialische Axt in der Hand haltend. Der Österreichische Rundfunk schickte am Montag, dem 23. September, ein Fernsehteam an den Fundort. Es filmte die Szenerie, als der Innsbrucker Gerichtsmediziner Rainer Henn mit seinen Mitarbeitern aus dem Hubschrauber stieg und die Leiche, die über Nacht wieder eingefroren war, abermals mit Eispickeln und Skistöcken aus dem Eis hackte. Diese Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt und sollten später wegen der unvorsichtigen Bergung der Gletscherleiche bei Wissenschaftlern in aller Welt heftige Kritik auslösen. Die Leiche wurde samt der Beifunde zunächst in einen Plastiksack verpackt und nach Vent ins Tal geflogen, dort in einen Sarg verfrachtet und schließlich mit einem Leichenwagen nach Innsbruck in das Institut für Gerichtsmedizin transportiert. Über Nacht fand sie im Seziersaal eine vorläufige Ruhestätte, bevor sie am nächsten Tag im Rahmen einer Pressekonferenz einem mehrminütigen Blitzlichtgewitter der Fotoreporter ausgesetzt und am Abend in das Institut für Anatomie überführt wurde.
 
 Erste Erkenntnisse und Rückschlüsse
 
Der scheinbare gerichtsmedizinische Routinefall hatte sich unterdessen endgültig als archäologischer Sensationsfund erwiesen, nachdem der Innsbrucker Ur- und Frühgeschichtler Konrad Spindler am frühen Morgen des 24. Septembers die Gletscherleiche in Augenschein genommen hatte. Er schätzte das Alter der Leiche auf »mindestens 4 000 Jahre, eher älter« und rechnete den Fund zunächst der frühen Bronzezeit zu. Auf dem Seziertisch sah Spindler neben der nackten Leiche die größeren Beifunde liegen: das Kupferbeil, einen Feuersteindolch, ein längliches Lederetui mit einem Feuersteinschaber und einen Bogen; auf einem anderen Tisch lagen Bekleidungsreste, Schnüre, Riemen und Graspolster. An der Fundstelle wurden in den folgenden Tagen von Wissenschaftlern, die nun sorgfältig mit Heißluftgeräten und Dampfstrahlern vorgingen, ein Köcher mit Inhalt, weitere Gegenstände, Bekleidungsteile und sonstige Überreste geborgen.
 
Die Verletzung am Schädel des Toten führte Spindler auf Vogelfraß zurück; die vermeintlichen Brandmale am Körper, »bläulich schwärzliche Zeichen in Form von Linienbündeln und Kreuzen«, hielt er am ehesten für Tätowierungen oder Körperbemalungen. Da sich diese Zeichen auch an Stellen des Körpers befanden, die der Mann selbst nicht erreichen konnte, etwa am Rücken, konnte man schließen, dass der Mann zumindest zeitweise in Gesellschaft gelebt haben musste. Darüber hinaus gab es keine weiteren Hinweise auf den sozialen Status der Person.
 
Spuren einer äußeren Gewalteinwirkung waren zunächst nicht zu erkennen. Die Todesursache blieb im Dunkeln, jedoch kam ein Tod durch Unterkühlung in Betracht, wenngleich der Mann mit seiner Kleidung und seinen dick mit Heupolstern ausgestopften Schuhen für tiefe Temperaturen ausgerüstet war. Als Todeszeitpunkt vermutete Spindler den Spätherbst, kurz vor Wintereinbruch. Dafür sprach der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand der Leiche und insbesondere die Tatsache, dass sie nicht den geringsten Befall von Fliegenmaden aufwies, die sonst vor allem die Augen angefressen hätten. Erst 10 Jahre später, im Sommer 2001, sollten Bozener Wissenschaftler eine Pfeilspitze in Ötzis Schulter entdecken: Der Gletschermann war augenscheinlich eines gewaltsamen Todes gestorben, ein Pfeil hatte ihn von hinten durchbohrt.
 
Das Einzigartige an dem Fund sah Spindler darin, »dass hier ein Mensch mitten aus dem Leben herausgerissen wurde«, der alle Utensilien bei sich trug, die er zum Leben im Hochgebirge, fernab von den Siedlungen in den Tälern, brauchte, dem sie also nicht erst nach seinem Tod rituell beigelegt wurden, wie es bei Gräberfunden der Fall ist. So hatte der Mann außer Vorratsgefäßen etwa ein Feuerzeug sowie Werkzeug für seine Waffen und Kleidung bei sich: einen Feuerstein und zwei Zunderschwämme, mit denen er Feuer entfachen konnte, einen Klumpen Kittmasse, mit der die Klinge des Beils am Stiel sowie die des Dolchs am Griff befestigt waren, ferner Zwirn, mit dem er seine Fellkleidung flicken konnte. Der Bogen des Mannes war allerdings zum Jagen noch nicht geeignet: Er war erst halb fertig geschnitzt, ihm fehlte noch die Sehne. Auch von den 14 Pfeilen, die im Köcher staken, waren die meisten noch unfertig; nur zwei davon hatten bereits eine Spitze, eine Kerbe und dreifache Befiederung.
 
Obwohl der Mann alle lebensnotwendigen Dinge bei sich trug, musste nach Spindler die Frage offen bleiben, was er von Beruf war und was er im Hochgebirge trieb: Ob er ein Hirte war, der eine Viehherde über das Hochlabjoch führte, ein »Prospektor«, der nach Erzlagerstätten suchte, ein Jäger oder vielleicht sogar ein Pilger, der ein Gelübde erfüllen wollte.
 
 Namensgebung und weitere Untersuchungsergebnisse
 
Dem Mann aus dem Eis wurden von den Medien schnell verschiedene Spitznamen gegeben wie »der Eismann«, »der Gletschermann« oder, nach der Fundstelle in den Ötztaler Alpen, kurz »Ötzi«, unter dem er schließlich weltberühmt wurde.
 
Mithilfe der Radiokarbonmethode ermittelten Wissenschaftler in Oxford und Zürich das Alter der Eisleiche: Es beträgt etwa 5 300 Jahre. Ötzi ist also noch ein ganzes Stück älter, als Spindler zunächst angenommen hatte; sein Zeitalter war die ausgehende Jungsteinzeit (Neolithikum); früher hätte man von Kupferzeit gesprochen. Spindlers Vermutung, dass Ötzi an Unterkühlung gestorben sei, und seine Erklärung des außerordentlich guten Erhaltungszustands der Gletscherleiche wurden zunächst von anderen Wissenschaftlern - Jahre vor dem Fund der Pfeilspitze im Oberkörper des Mannes - weitgehend geteilt: Nachdem Ötzi im Frühherbst bei einem Kälteeinbruch ums Leben gekommen sei, müssten alsbald einsetzende und länger anhaltende Föhnwinde den Leichnam trockenmumifiziert haben. Im Winter ließen dann frierende Niederschläge Ötzi im Gletschereis verschwinden, das ihn mehrere Jahrtausende tiefgefroren konservierte. Erst später ergaben Untersuchungen der in den Atmungsorganen und im Verdauungstrakt gefundenen Pollenreste, dass der Mann bereits im Frühsommer umgekommen sein muss. Dass Ötzi vom Gletschereis nicht weitertransportiert und zermalmt wurde, ist seiner geschützten Lage in der etwa 3 m tiefen Felsmulde zu verdanken. Er wurde wohl nur einmal umgedreht, sodass er mit dem Gesicht nach unten lag. Dabei wurden seine Nase eingedrückt und seine Augenlider verschoben. Infolge der Mumifizierung sind die Weichteile der Leiche geschrumpft, die Nägel und Haare ausgefallen. Was Ötzi von den gewöhnlichen Gletscherleichen unterscheidet, ist, dass das Fettgewebe des Körpers nicht zu Fettwachs geworden ist und die Zellen nicht zerstört sind, sondern die Körperflüssigkeit und das Körperfett teilweise entzogen und die Zellen erhalten sind; Ötzi ist keine Fettwachsleiche, sondern eine Feuchtmumie.
 
Österreichische Vermessungstechniker stellten bereits im Oktober 1991 fest, dass Ötzi auf italienischem Staatsgebiet aufgefunden wurde. Allerdings blieb er vorerst in österreichischen Händen: Man bewahrte ihn in einer Kühlzelle des Instituts für Anatomie in Innsbruck auf, und die Tiroler Landeshauptstadt stieg zum Zentrum der internationalen Ötzi-Forschung auf. Hier wurde das interdisziplinäre Forschungsinstitut für Alpine Vorzeit eingerichtet, das ein Forschungsprogramm für Ötzi entwarf und die internationale Zusammenarbeit leitete; im Juni 1992 fand hier das erste Ötzi-Symposium statt. Erst nach dem Abschluss der Untersuchungen Anfang 1998 wurde Ötzi der Südtiroler Landesregierung übergeben und nach Bozen in das Museum für Archäologie überführt.
 
 Obduktionsbefunde und Rekonstruktionsversuche
 
Zahlreiche Wissenschaftler aus aller Welt - Archäologen und Anthropologen, Anatomen und Pathologen, Chemiker und Mikrobiologen, Kriminologen und Kulturhistoriker - führten an Ötzi bis Ende 1997 die wohl sorgfältigste und aufwendigste Obduktion und Rekonstruktion durch, die einer Leiche je zuteil wurde. Mit modernen Analysemethoden wie Radiokarbonmethode, DNA-Analyse, Computertomographie und virtueller 3-D-Darstellung konnten sie eine Fülle von Details ermitteln, die eine retrospektive Diagnose verschiedener Krankheiten erlaubten und Fragmente der rekonstruierten Biografie eines Individuums aus der mittleren Jungsteinzeit ergaben. Die Pfeilspitze allerdings übersahen sie.
 
Ötzi war zur Todeszeit etwa 46 Jahre alt, knapp 1,60 m groß und an die 60 kg schwer. Er hatte graublaue Augen, dunkles, leicht gewelltes Haar und trug wahrscheinlich einen kurz geschnittenen Bart. Seine Zähne wiesen starke Abnutzungserscheinungen auf, die auf den Abrieb zurückgehen, der beim Zerkleinern des Getreides mit Mahlsteinen im Mehl zurückblieb und beim Kauen die Zähne bis auf die Stümpfe abschmirgelte. Besonders die Sprung- und Hüftgelenke sowie die Wirbelsäule waren von Arthritis betroffen, was darauf schließen lässt, dass Ötzi zeit seines Lebens schwere Lasten getragen hat und lange Strecken gegangen ist. An seinen Blutgefäßen waren arteriosklerotische Veränderungen festzustellen, wie man sie auch heute bei alten Menschen findet. Dass Ötzis Lunge rußgeschwärzt war, rührt wohl daher, dass er sich oft nahe am Feuer aufgehalten hat. Die Untersuchungen an den Haaren belegen eine starke Belastung durch Arsen, was auf eine unmittelbare Beteiligung des Mannes an der Metallverarbeitung hinweist. Die endoskopischen Untersuchungen ergaben unter anderem, dass die letzte Mahlzeit des Mannes aus Gemüse und Fleisch bestand.
 
Die strich- und kreuzförmigen Tätowierungen, mit pulverisierter Holzkohle aufgetragen, waren bezeichnenderweise an bestimmten Schmerzstellen angebracht, so an den Knöcheln und Knien, im Lendenbereich und am Rücken. Es ist deshalb anzunehmen, dass sie therapeutischen Zwecken dienten, zumal Tätowierungen zur magischen Therapie etwa von rheumatischen Schmerzen auch aus anderen Kulturkreisen bekannt sind. Wie Ötzi sich seine teils verheilten, teils frischen Rippenbrüche zugezogen hat, ist unklar. Die Verletzungen an seinem Körper und die Beschädigungen an seinen Waffen gaben Anlass zu der Vermutung, dass er vor seinem Tod in einen Kampf verwickelt war und sich womöglich auf der Flucht befand. Die Entdeckung der Pfeilspitze in seinem Oberkörper bestätigt dies nachträglich.
 
Dass Ötzi aus dem Gebiet der Südtiroler Alpen stammt, ergab die Untersuchung der Moosarten, die er bei sich führte. Es spricht einiges dafür, dass unser Mann ein Hirte aus dem Etschtal war. Da die Weideflächen in den Tälern knapp waren, wurden die Tiere im Sommer auf Hochweiden oberhalb der Baumgrenze getrieben, und das Hauslabjoch, Ötzis Fundort, war ein Übergang vom Etschtal zu den Hochweiden der Ötztaler Alpen. Außerdem war Ötzis Ausrüstung nur auf das unmittelbare Überleben im Hochgebirge ausgerichtet, und im Etschtal waren in der Jungsteinzeit Siedlungen verhältnismäßig dicht aneinander gereiht.
 
 Nachbildungen von Ötzis Körper, Kleidung und Gerätschaften
 
Mehrere Spezialisten wurden vom Magazin GEO damit beauftragt, detailgetreue Nachbildungen von Ötzis Kopf, Kleidung und Gerätschaften anzufertigen. Die Pariser Dermoplastikerin Elisabeth Daynés schuf Ötzis Kopf nach dem korrigierten Modell einer Schädelrekonstruktion, die auf der Basis von Computertomographiedaten entstanden war. Sie wandte dabei in Zusammenarbeit mit dem Pariser kriminaltechnischen Institut neueste Methoden der Gesichtsrekonstruktion an, die an nicht identifizierten Opfern von Gewaltverbrechen erprobt worden waren. Nach dem so modellierten Tonkopf goss sie einen Silikonkopf, bemalte ihn mit Farben und versah ihn mit Haaren. Die Pariser Kostümschneiderin Dominique Louis verfertigte Ötzis Kleidung detailgetreu aus Originalmaterialien: einen Lendenschurz, der von einem Gürtel aus Kalbsleder mit aufgenähten Taschen gehalten wird; darüber zwei Beinröhren, ebenfalls vom Gürtel gehalten, sowie ein mantelähnliches, aus abwechselnd hellen und dunklen Fellstreifen zusammengenähtes Gewand, beides aus Ziegenleder; ferner einen Umhang aus Pfeifengras als Regenschutz, eine Mütze aus Braunbärenfell und schließlich Schuhe mit Sohlen aus Bärenleder und Oberteilen aus Hirschleder sowie einer Grasschicht als Kälteschutz in einem auf die Sohlen aufgenähten Netz.
 
Der deutsche experimentelle Archäologe Harm Paulsen baute Ötzis Gerätschaften nicht nur nach, sondern probierte auch ihre Funktion in der Praxis aus. Die Gürteltasche enthielt überlebenswichtige Utensilien wie einen Feuerstein und Zunderschwamm, die zusammen ein Schlagfeuerzeug bilden, einen Klingenkratzer und einen Bohrer. Der auch als Messer zu gebrauchende Dolch mit einem Eschenholzgriff und einer Feuersteinklinge dürfte in einem Grasetui gesteckt und ein Lindenholzstift mit einem eingelassenen Hirschgeweihspan zum Retuschieren (Bearbeiten) der Klinge gedient haben. Die beiden fertigen Pfeile in dem Fellköcher hatten Schäfte aus Schneeballtrieben und waren mit einer Feuersteinspitze versehen, die wie die Vogelfedern am anderen Ende mit Birkenpech und einem Faden am Pfeilschaft befestigt waren. Der Stiel des Beils war aus einem Eibenholzstamm mit Astansatz gefertigt, in dem rechtwinklig ansetzenden, gespaltenen Ast war die Kupferklinge mit Birkenpech und Lederschnüren befestigt; eine solche Knieholzschäftung ist bereits aus der früheren Jungsteinzeit bekannt. Es handelt sich um das einzige vollständig erhaltene Kupferbeil der Urgeschichte! Die Rückentrage bestand aus gebogenen Haselstöckchen, Lärchenholzbrettchen und Ziegenfell; auf ihr dürfte Ötzi vor allem seinen Proviant transportiert haben. Das aus Schnüren zusammengeknüpfte Netz diente wohl zum Einsammeln von Brennholz. In einem der beiden zylinderförmigen Birkenholzgefäße fanden sich in Ahornblättern verpackte Holzkohlereste; in ihm brachte Ötzi offensichtlich die Glut von einer Feuerstelle zur nächsten. Zwei Birkenporlinge, antibiotisch wirkende Pilze, gehörten womöglich zu Ötzis Reiseapotheke. Ob die Troddel aus Lederriemchen an einer kleinen Steinscheibe ein Schmuckstück oder ein Amulett darstellte, wird offen bleiben müssen.
 
 Ötzis Kühlzelle und letzte Ruhestätte
 
Die Zeit im Innsbrucker Institut für Anatomie verbrachte Ötzi größtenteils in einer Kühlzelle, in der sein gewohntes Gletscherklima künstlich erzeugt wurde: Die Temperatur von -6 ºC entspricht der durchschnittlichen Jahrestemperatur im Gletscherinneren, die dort herrschende Luftfeuchtigkeit von 100 % konnte mit 96-98 % wenigstens annähernd erreicht werden. Dazu wurde die Kühlzelle mit keimfreien Eisstückchen ausgelegt und die Mumie in Schichten aus Plastikfolie und Eisstückchen eingepackt. Für Untersuchungen und Messungen an der Mumie durfte Ötzi höchstens für eine halbe Stunde ausgepackt und in einer Kühlbox zwischengelagert werden. Während Ötzis sterbliche Überreste und die Beifunde sich seit Anfang 1998 in einem eigens für ihn eingerichteten Schauraum im Archäologischen Museum in Bozen befinden, werden die Nachbildungen seines Körpers, seiner Kleidung und Gerätschaften auf einer Museumstournee in mehreren deutschen, österreichischen und schweizerischen Städten ausgestellt. Die Klimabedingungen in Ötzis letzter Ruhestätte, seiner Kühlzelle in dem Schauraum, sind noch etwas besser geworden, und die schwach beleuchtete Mumie kann dort von den Museumsbesuchern durch ein kleines Sichtfenster bestaunt werden.
 
 Eifersuchtsdrama im Hochgebirge?
 
Der bedeutende prähistorische Fund hat zwar keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Jungsteinzeit zutage gefördert, aber er hat den Wissenschaftlern einen Fall geliefert, den sie mit modernsten Methoden analysieren und rekonstruieren konnten. Überdies ist Ötzi alsbald zum spektakulären Medienereignis avanciert, da der Gletschermann aus der Jungsteinzeit reichlich Spielraum für allerhand Spekulationen über seine Lebensgeschichte bot. Diese wurden durch den Fund der Pfeilspitze im Sommer 2001 erneut entfacht: War Ötzi vielleicht das Opfer eines Eifersuchtsdramas, wie nicht nur italienische Zeitungen mutmaßten? Welche Verfolger suchte er abzuschütteln? Wie die an dem sensationellen Pfeilspitzenfund beteiligten Bozener Wissenschaftler glauben, habe der Mann nach der Verletzung durch den Pfeil noch maximal acht Stunden gelebt. Ein Jagdunfall gilt unter den Forschern als unwahrscheinlich, ebenso die Theorie, er sei ausgerutscht und in einen eigenen Pfeil gestürzt. Hier tut sich ein weites Feld für Spekulationen auf, die die Wissenschaft weder eindeutig belegen noch widerlegen kann.

Universal-Lexikon. 2012.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Otzi — Ötzi Le mémorial Ötzi. Ötzi [ˈœtsi] est le nom donné à un être humain congelé et déshydraté découvert fortuitement le 19 septembre 1991 à 3 200 mètres d altitude, à la frontière entre l Italie et l Autriche dans les Alpes de l …   Wikipédia en Français

  • Ötzi — 46°46′44″N 10°50′23″E / 46.77889, 10.83972 …   Wikipédia en Français

  • Ötzi — Rekonstruktion des „Ötzi“ (Südtiroler Archäologiemuseum, 2011) Ötzi, auch Mann vom Hauslabjoch, Der Mann aus dem Eis, Mumie von Similaun u. ä.,[1][2] ist eine etwa 5.300 Jahre alte Gletsche …   Deutsch Wikipedia

  • Ötzi — Para el showman austriaco, véase DJ Ötzi. Ötzi Reconstrucción plástica de su cuerpo y rostro exhibida e …   Wikipedia Español

  • Ötzi — Этци мумия древнего человека, найденная в 1991 на одном из ледников горной гряды Карвендель. Возраст останков ок. 5300 лет. Рядом с доисторическим человеком найдены приспособления для добывания огня, каменный нож, медный топор и др. Останки… …   Австрия. Лингвострановедческий словарь

  • Ötzi —    The name given to the mummified corpse found in the Ötz Valley range of the Alps on 19 September 1991. Preserved in glacial ice since approximately 3000 BCE, it was sent to the University of Innsbruck for radiocarbon analysis. Careful study… …   Historical dictionary of Austria

  • Ötzi — Ọ̈t|zi, der; [s] <nach dem Fundort in den Ötztaler Alpen> (umgangssprachlich scherzhaft für die mumifizierte Leiche eines Vorzeitmenschen) …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Ötzi the Iceman — Ötzi redirects here. For the Austrian singer and entertainer, see DJ Ötzi. Ötzi the Iceman Born fl. c.3300 BC near the present village of Feldthurns (Velturno), north of Bolzano …   Wikipedia

  • Ötzi-Alpin-Marathon — Der Ötzi Alpin Marathon ist ein italienischer Extrem Triathlon von Naturns ins Schnalstal und von dort bis auf den Gletscher auf 3200 Metern Höhe. Die Teilnehmer müssen die Marathondistanz von 42,195 km sowie einige tausend Höhenmeter… …   Deutsch Wikipedia

  • Momie d'Otzi — Ötzi Le mémorial Ötzi. Ötzi [ˈœtsi] est le nom donné à un être humain congelé et déshydraté découvert fortuitement le 19 septembre 1991 à 3 200 mètres d altitude, à la frontière entre l Italie et l Autriche dans les Alpes de l …   Wikipédia en Français


Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.